BLUTSVERWANDT! - Psychogramm der Suche eines Adoptierten nach seinen Wurzeln

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Diese Internetseite richtet sich an alle von einer Adoption Betroffenen, besonders aber an alle Adoptierten, die auf der Suche nach ihrer wahren Identität sind.
Als Kind zu erfahren, kurz nach der eigenen Geburt adoptiert worden zu sein, kann das eigene Lebensgefühl verändern und auf lange Sicht beeinträchtigen und belasten. Besonders dann, wenn das sensible Herkunfts-Thema in der Adoptivfamilie "totgeschwiegen" wird, um die familiäre "Normalität" nicht zu stören. Mit 4 Jahren im "Schnelldurchgang" über meinen Adoptivstatus aufgeklärt, erfuhr ich 12jährig durch zufälliges, geheimes Stöbern in den adoptivelterlichen Unterlagen die Namen meiner leiblichen Eltern. Spätere Nachforschungen ergaben: Meine leibliche Mutter starb 25jährig kurz nach meiner Geburt. Mein leiblicher Vater nahm sich nach meiner Freigabe zur Adoption, und einige Monate nach dem Tod meiner Mutter, im Herbst 1965 das Leben...
Auch er war als Kind adoptiert worden, was meine spätere, spannende wie aber auch zum Teil gefährliche Herkunftssuche ergab.
Doch ich hatte noch eine 3 Jahre ältere leibliche Schwester, die ich 25jährig Anfang 1991 völlig unangemeldet aufsuchte, um sie endlich kennenzulernen...
Schon bald reagierte sie auf die besseren Lebensumstände, in die mich meine Adoption einst brachte, mit Ablehnung und Neid. Sie selbst hatte nach einer äußerst schwierigen Kindheit nur wenig festen Boden unter den Füßen, lebte verheiratet mit 5 Kindern in instabilen, zerrütteten Verhältnissen in einer abgelegenen, ländlichen Gegend Südwestdeutschlands. Ich glaubte, nun endlich meine Wurzeln, mein "inneres Zuhause" gefunden zu haben, glaubte, nun endlich "angekommen" zu sein, wohin mich die früheren Jahre mit innerer Zerrissenheit und Identitätskonflikten getrieben hatten. Doch schon sehr bald wollte meine leibliche Schwester "mehr" für mich sein, als nur meine Schwester, auch ich war ihr "nur als ihr Bruder" nicht genug... Unsere innere Einsamkeit und Verlorenheit trieb uns in eine verbotene, jedoch äußerst leidenschaftlich und hemmungslos ausgelebte Inzest-Beziehung, die unsere geschwisterliche Beziehung jedoch am Ende zerstörte. Eine familiäre Geschwisterbeziehung, die wir uns doch beide immer so sehr gewünscht hatten... Die Ehe meiner Schwester zerbrach über unserer geheimen Inzest-Affäre, sie wollte eher mit mir gemeinsam leben, sogar mit mir aus Deutschland fliehen...
Sie bot mir sogar an, gemeinsam ihren Ehemann und meine Adoptiveltern zu ermorden, denn "dann seien wir endlich frei füreinander...!", wie sie sagte. Monatelang trafen wir uns nur heimlich, in ihrem düsteren, entlegenen Haus, in Abwesenheit ihres Mannes, oder in einsamen Hotels, um unsere verbotene Liebe auszuleben. Doch da ich nicht bereit war, mich ganz auf ein Leben mit meiner Schwester einzulassen, versuchte sie schließlich, mein Leben mit heimtückischen Intrigen zu zerstören... Am Ende versuchte sie sogar, mich,
ihren leiblichen Bruder, zu töten...
Unsere Beziehung, gleich ob sexueller oder geschwisterlicher Art, endete schließlich vor dem Strafrichter, der uns erneut, doch dieses Mal für immer, als Bruder und Schwester trennte.
Meine Schwester hatte mit einer Lüge ein Strafverfahren gegen mich "angezettelt", an dessen Ende wir dann in einer dramatischen Gerichtsverhandlung für immer auseinandergebracht wurden. Über meine spannende Herkunftssuche, ihre Folgen, aber auch über die psychologischen Ursachen und Hintergründe der Identitätskonflikte Adoptierter schrieb ich jetzt
ein autobiographisches Buch mit dem Titel: "BLUTSVERWANDT!", Autor: BERND M.,
ISBN: 3-89906-216-7,
Verlag: videel-Verlag, www.videel.de,
D-25899 NIEBÜLL, Schmiedestrasse 13,
Tel.: 04661-9001-0
Für Anrufer aus A/CH: 0049-4661-9001-0
Fax: 04661-9001-79
Für Fax-Anrufer aus A/CH: 0049-4661-9001-79
EMail : info@videel.de
Das Buch "BLUTSVERWANDT!" hat 664 Seiten,
Buchmaße: 14x20 cm, Preis: 25.- EURO.
(Cover-Abbildung oben auf dieser Seite).
Interessentinnen/Interes senten finden es ab
sofort auf der Homepage des videel-Verlages unter www.videel.de, man kann dort den Buchtitel Blutsverwandt! oben rechts in das Fenster "Büchersuche" eingeben, dann die Entertaste des PC drücken um direkt in den videel-Buchshop und zum Buch zu gelangen. Man kann aber auch auf der www-videel.de-Homepage oben links auf den Begriff "Online-Shops" klicken. Im "Online-Shop" von www.videel.de dann bitte auf die obere Rubrik "Der videel Shop" klicken, dann im "videel Shop" auf die spezielle Themen-Rubrik "Belletristik" klicken, dann dort bitte auf den erscheinenden Unterpunkt "Erinnerungen und Tagebücher" klicken. Dort (auf Seite 2 des Verzeichnisses "Erinnerungen und Tagebücher") kann der Buchtitel "Blutsverwandt!" recherchiert und auch bestellt werden. Die Auslieferung erfolgt innerhalb weniger Tage über den Videel-Verlag. Man kann das Buch aber auch über jede andere Buchhandlung bestellen. Noch einfacher: auf der Seite www.videel.de
im videel-"Online-Shop" den Buchtitel "Blutsverwandt!" ganz einfach in das Fenster "Suchbegriff eingeben" oben links eingeben, auf "suchen" klicken, und schon gelangt man zur Buchvorstellung. Das Buch "Blutsverwandt!" ist auch zu finden bei www.amazon.de unter der Rubrik "Bücher", oder auch im Verzeichnis aller lieferbaren Buchtitel "VLB" unter www.buchhandel.de, hier findet man es nach Eingabe meiner oben genannten ISBN-Nr. in das Suchfenster.
Über Reaktionen und Meinungen zur Herkunftsproblematik bei Adoptierten von Adoptierten und über deren eigene Erfahrungen mit ihrer Herkunftssuche würde ich mich sehr freuen. Bitte einfach an mich, den Autor, schreiben: bernd-m@arcor.de Mit meinem Buch "Blutsverwandt!" möchte ich anderen Adoptierten auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln zeigen, was alles geschehen kann, wenn sie die Türen zu ihrer eigenen, wahren! Vergangenheit öffnen. Ich möchte aber auch allen Betroffenen Mut machen, diesen so wichtigen Weg in die eigene Herkunftsgeschichte eines Tages ohne Angst zu gehen. Manche/-r Adoptierte mag sich in meinen Schilderungen wiederfinden, mal erschrocken, wenn die ersten Such-Erfahrungen bereits zurückliegen, mal hoffnungsvoll, wenn die eigene Herkunfts-Suche noch bevorsteht. Trotz oder gerade wegen jenes Hauches von Traurigkeit und Melancholie, der irgendwie über und in jeder Adoptionsgeschichte und jeder Herkunftssuche schwebt, sollte sich jede/-r Adoptierte eines Tages aufmachen, um zu ergründen, wer sie oder er früher einmal gewesen war. Früher, bevor eine einfache Unterschrift auf einem Adoptionsvertrag ihre/seine wahre Existenz und leibliche Identität quasi "auslöschte".
Auch sollten alle Adoptierten ihre leiblichen Wurzeln suchen, um sich heute selbst besser zu verstehen, sich selbst als die/den zu erkennen, die/der sie/er wirklich! ist.
Erst wenn wir wissen, woher wir kommen und wer wir wirklich sind, können wir "bewußter wissen", wohin wir im Leben gehen können, oder gehen sollen. Auf diesem Weg sollte sich niemand aufhalten lassen!
Auf daß uns das Wissen um unsere wahre Herkunft helfen möge, unserem heutigen Leben eine bessere Richtung zu geben!
**** NRW im Mai 2005 ****
Verfasser: bernd-m@arcor.de
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Ab hier folgt eine Leseprobe (= Original-Textauszug) meines oben genannten Buches: "BLUTSVERWANDT!", (videel-Verlag). Der folgende Textauszug (Buchseite 162-175) beschreibt mein erstes Zusammentreffen mit meiner leiblichen Schwester am Morgen des 4. Januar 1991, als ich sie ohne ihr Wissen ganz spontan aufsuchte, um sie kennenzulernen.
************************ LESEPROBE: ***********************
Dann endlich erreichte ich das abgelegene D., fuhr langsam in Schrittgeschwindigkeit am gelben Ortsschild vorbei. Ganz plötzlich spürte ich: Das ist es! Das ist der Moment, auf den du über 25 Jahre gewartet hast. Gleich wirst du deiner Vergangenheit begegnen. Ein Augenblick, spannender als jeder Abenteuerfilm... Was mein Auftauchen in diesem entlegenen Nest für eine der hier lebenden Familien bedeuten sollte, war mir jedoch nicht bewußt, konnte es aber auch gar nicht sein. Die winzige Siedlung mit wenigen hundert Einwohnern lag in einer reizvollen Hanglage umgeben von tiefen, dunklen Wäldern. Die Gegend war eigentlich das, was Politiker beschönigend eine strukturschwache Region zu nennen pflegen. Der kleine Ort bestand praktisch nur aus der Durchgangsstraße, einer Bushaltestelle mit Telefonzelle, und etlichen, schmucken, weiß gestrichenen Einfamilienhäusern zu beiden Seiten der gewundenen, steil bergan führenden Landstraße. Viele der Häuschen mit herrlichem Fernblick über das weite Land besaßen kleine Stallungen, und waren offenbar aus früheren landwirtschaftlichen Gehöften hervorgegangen. Auf einigen der noch schneebedeckten, eingezäunten Weiden sah ich kleine Ponys, andere Familien hielten sich wild umherflatternde Gänse, die dem weihnachtlichen Backofen offenbar entgangen waren. Aus der Erinnerung fand ich recht schnell die Adresse des Hauses meiner Schwester. Das direkt an der Durchgangsstraße stehende, weiß getünchte Einfamilienhaus wirkte im Winter kalt und verlassen. Man kann sich meine Aufregung sicher vorstellen, als ich mein Auto etwa 150 Meter unterhalb des Hauses an der Hauptstraße abstellte, und langsam zur Haustür meiner leiblichen Schwester ging, die mich weder persönlich kannte noch auf meinen unangekündigten Besuch vorbereitet war...
Die Hausnummer stimmte, doch an der Klingel stand jetzt ein anderer Name... Ob meine Schwester wohl umgezogen war? Oder hatte sie nach einer Heirat einen anderen Namen angenommen? Kurz entschlossen, aber auch irgendwie erleichtert, diese ungewöhnliche Begegnungssituation nach über 25 Jahren noch ein wenig hinausschieben zu können, drückte ich den Klingelknopf. Eine mütterliche, sehr korpulente Türkin öffnete. Schon war sie innen an der Tür von vielen Kindern umringt. Zwar konnte ich sie aufgrund einiger Sprachkenntnisse auf Türkisch begrüßen, jedoch verstand sie mein Anliegen nicht, konnte auch mit meinem Zettel mit dem Nachnamen meiner Schwester nichts anfangen. Offenbar lebte diese nicht mehr hier. Entmutigt ging ich über die leere Dorfstraße zu meinem Auto zurück, als ich einer jungen Frau begegnete. Ich sprach sie sofort an, fragte nach dem Verbleib der Familie P. hier aus dem Ort, und ob sie mir weiterhelfen könne. Zuerst blickte sie mich etwas unverständig an, und sagte dann wörtlich: „Was?? Zu P. wollen Sie? Und da sind Sie so gut angezogen...?“ Zuerst wußte ich nicht was sie meinte, und dachte mir nichts dabei. Eigentlich war ich mit meiner dunkelblauen Winterjacke, einem dunkelblauen Pullover und hellem Polohemd darunter, dazu Jeans und zudem stets geputzten „Camel“-Schuhen eigentlich wie immer gekleidet. Vielleicht wirkte ich mit meinem halblangen, rechts gescheitelten dunkelblonden Haar etwas zu gepflegt und zu bürgerlich für jenes Umfeld, in das ich mich nun begeben wollte. Die Passantin nannte mir dann die neue Adresse meiner Schwester. Diese lag nur einige Straßen weiter am Ortsrand von D. im Tannenweg Nr.6 . „Es sei das letzte Haus auf der rechten Seite“, erfuhr ich noch. Sofort schnellte meine Anspannung wieder in die Höhe. Ich würde sie also heute noch sehen! Nur noch wenige hundert Meter lagen zwischen mir und meiner Vergangenheit, meiner wahren Identität, meinen Wurzeln, meiner Herkunft...
Trotz der erhaltenen Wegbeschreibung verlief ich mich noch einige Male, hatte ich mein Auto doch einfach oben an der Durchgangsstraße stehenlassen. Der tatsächlich von hohen Tannen umsäumte Tannenweg öffnete sich an seinem Ende plötzlich hinaus auf freies Feld, dahinter dunkler Wald, nach rechts hinüber ein wunderschöner, endlos weiter Fernblick über das weite, einsame Land. Rechts des schmalen Weges stand eine riesige, uralte Eiche, direkt daneben die Schottereinfahrt auf ein verwahrlostes Grundstück. Darauf stand ein äußerlich heruntergekommenes, fast verfallenes, altes, langgestrecktes, niedriges Fachwerkhaus, das Dach an vielen Stellen beschädigt, an den Seitengiebeln wuchs wild der Efeu aus dem morschen Gebälk. Vor der niedrigen, windschiefen, grünen hölzernen Eingangstür stand ein kleiner roter Ford. Überall auf dem wie eine winterliche Baustelle wirkenden Grundstück lagen Spielsachen verstreut umher. Direkt links neben dem Wohngebäude grenzte ein kleiner Stallanbau. Auch dieser wirkte baufällig, die Holzwände waren teilweise zersplittert und morsch. Durch den halb geöffneten Stalleingang sah ich ein weißes Pferd und ein braunes kleineres Pony. Irgendwo im Haus bellte ein Hund. Die Freileitung zur Stromversorgung war so notdürftig an winzigen Isolatoren unmittelbar am alten, rissigen Fachwerk montiert, daß es jedem Elektriker grausen müßte. Es war eben eine jener alten, doch irgendwie gemütlichen „Bruchbuden“, wie man sie überall im ländlichen Raum findet, bewohnt von zumeist kinderreichen Familien, denen der viele Platz eines großen, wenn auch verwahrlosten Grundstücks für die Kinder eben wichtiger ist, als saubere, sterile, verklinkerte Fassaden eines „verlogenen Bürgertums“. Ich war zwar nicht in dem Sinne enttäuscht über das, was ich äußerlich vorfand, war mir jedoch darüber klar, daß ich auf diesem Grundstück und in diesem Haus eine gänzlich „andere Welt“ betreten würde, als ich sie seit den letzten 25 Jahren bei meinen „Adoptiv-Eltern“ gekannt hatte und auch gewohnt war. Irgendwie hatte ich auch die Befürchtung, wegen meiner materiell bessergestellten Herkunft vielleicht sogar abgelehnt zu werden. Daß mir diese letztlich sogar noch zum Verhängnis werden sollte, ahnte ich aber noch lange nicht.
Das Haus, das Grundstück, ja einfach alles dort vor meinen Augen wirkte an diesem kalten Wintermorgen so trostlos, daß man meinen könnte, kein Frühling oder Sommer könnte in diesem Chaos ein geordnetes Zuhause entstehen lassen. Doch dann, auf den zweiten, dritten Blick, bemerkte ich, daß ich mich bereits schon in einer Bewertung, ja zudem „bürgerlich-spießig“ geprägten Beurteilung oder sogar Verurteilung dessen befand, was ich da vor mir sah. Während ich den Anblick verfallender Fachwerkromantik länger und länger auf mich wirken ließ, spürte ich, daß das, was da vor mir lag, ja eigentlich genau dem entsprach, was ich immer gesucht hatte. Das da war dieses verkommene, verrottete, aber dafür reale und auf jeden Fall lebendige Stück Leben, nach dem ich mich immer gesehnt hatte. Meine „Adoptiv-Eltern“ würden bei diesem Anblick automatisch schon bestimmte und sicher auch nötige Renovierungsarbeiten ins Auge fassen. Ich dagegen sah hinter brüchigen, äußerlich beschädigten Fassaden die reine Form eines vielleicht harten, aber dafür ehrlichen Umgangs miteinander. Eben den Boden, auf dem die Form von Zuhause wachsen konnte, nach der ich immer gesucht hatte. Was zählten denn schon saubere, glatte Klinkersteine eines gefühllosen, fassadenhaften Bürgertums, wenn hinter den kalten Mauern wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit in gut geheizten, edel ausgestatteten Räumen die Seele langsam erfriert?
Doch dies hier war ja nicht mein Zuhause. Ich stand als Fremder auf der Straße. Irgendwie hatte ich schon das Gefühl, ein üblicher Verwandtschaftsbesuch zum Kaffee würde das hier nicht werden. Ganz gleich, ob ich nun erwartet würde, oder nicht. Plötzlich spürte ich wieder dieses Zittern in den Knien. Wenn ich noch lange so am Wegesrand stehenbliebe, würden sicher noch die Nachbarn auf mich aufmerksam. Doch irgendwie zögerte ich noch, hatte wohl Angst vor der eigenen Courage. Doch eine Umkehr gab es jetzt nicht mehr! Schließlich holte ich tief Luft, ging die kleine, abschüssige Schottereinfahrt hinunter, und trat an die kleine, niedrige Eingangstüre. Just in dem Augenblick, als ich gerade den Namen am Türschild entziffern wollte, öffnete sich urplötzlich die Holztüre, und ein junger Mann, wohl einige Jahre älter als ich, kam heraus. Wie ich später erfuhr war dies Rüdiger, der Ehemann meiner Schwester. Ohne sich weiter um mich zu kümmern, ging er mit kurzem Gruß mit einer kleinen Tasche unter dem Arm an mir vorbei, setzte sich in den kleinen Ford, und fuhr zur Arbeit, wie ich später hörte. Die Haustüre blieb jedoch noch offen stehen. Das war schon etwas merkwürdig, zumal ich mich ja als Fremder auf seinem Grundstück befand. Dann hatte ich auf einmal das Gefühl, daß ich sie gleich sehen würde...
Und tatsächlich erschien plötzlich in der kleinen, dunklen Türöffnung eine etwas verwahrlost wirkende junge Frau. Von ihrem hübschen, irgendwie mädchenhaften Gesicht her sah sie mir sehr ähnlich. Meine Schwester und ich sehen uns wirklich sehr ähnlich! Ohne genau zu wissen, wer da nun vor mir stand, spürte ich blitzartig diese tiefe, wahrhaftige Verbundenheit zu dieser Unbekannten, wie sie wohl nur zwischen leiblichen Geschwistern zu erspüren ist. In dem Moment wußte ich es sofort: Das ist sie! Ob sie mich sogleich vom Angesicht her erkannt hatte, weiß ich nicht mehr sicher. Mir wurde innerlich heiß und kalt zugleich. Die junge Frau blickte mich fragend an. Sie trug ihr dunkelrot gefärbtes, leicht lockiges Haar fast schulterlang, beinahe so wie ich. Nur daß ich glattes Haar habe. Ihr Pullover war ihr viel zu weit, fast versank sie in dem verwaschenen Kleidungsstück. Dazu trug sie hautenge rote Leggins mit schwarzen Punkten darauf, ihre nackten Füße steckten in alten Turnschuhen. Ganz eben so, wenn man mit vielen Kindern auf dem Lande lebt, und nicht eben jederzeit auf Besuch eingerichtet ist. Ihr Äußeres störte mich jedoch nicht im geringsten. Ohne es abwertend zu meinen, verkörperte sie eben jenen „Typ Frau“, die ihr innerseelisches „Kaputt-Sein“ in äußerer Nachlässigkeit protestartig nach außen demonstrieren, vielleicht auch bewußt provozieren wollen. So hatte sie es zumindest später selber einmal ausgedrückt. Ihre eigenen Worte also. Was ich da vor mir sah, gefiel mir...!! Irgendwie war diese Frau genau mein Typ, verkörperte sie ja auch das genaue Gegenstück dessen, was sich meine „Adoptiv-Eltern“ für mich - besser gesagt für sich - als Schwiegertochter wünschten. Diese junge Frau vor mir trug keine falsche Fassade nach außen, zumindest was ihr Äußeres anging. Sie entsprach genau meinem Bild von Gefährtin, das jeder Mensch ganz individuell irgendwo tief in sich trägt. Ohne mir dessen bewußt zu sein, hatte ich mich „verknallt“. In meine eigene Schwester!! Irgendwie überforderte mich diese unmögliche Situation. Was jetzt tun...?? Was sollte ich denn jetzt nur sagen? Alle zuvor sorgsam zurechtgelegten Worte waren mit einem Mal völlig weg...
„Guten Tag, ich suche Frau Anja P.,...“, begann ich stockend. Eigentlich eine spannende Situation. Doch sie hatte auch etwas Beklemmendes an sich, denn ich spürte, daß ich in übertragenem Sinne einen staubigen alten „Zeit-Vorhang“ wegziehen oder zerreißen müßte, der uns seit 25 Jahren voneinander getrennt hatte. „Ja,...das bin ich...!“, antwortete sie zögernd, „was ich denn wolle?“ Offensichtlich wußte sie nicht, wer ich war, hatte mich noch nicht erkannt, oder sie war sich nicht sicher? Vielleicht wußte sie ja auch gar nicht, daß sie noch einen leiblichen Bruder hatte...? Ich antwortete, nun etwas fester und sicherer: „Ja..., ich hätte Sie gerne einmal gesprochen...“ „Worum es denn ginge?“, wollte sie wissen. „Nun..., es geht um eine Angelegenheit,...die...ä ähhh...liegt schon etwas länger zurück...!“, rettete ich mich etwas unsicher stammelnd. Ich wollte doch auch nicht gleich mit der Nachricht „herausplatzen“, daß ich ihr Bruder war und sie meine Schwester. Vielleicht würde sie ja von selbst darauf kommen, wer ich war. „Schon etwas länger zurück...??“, fragte sie mich jetzt etwas mißtrauisch. „Ja..., diese Angelegenheit liegt schon 25 Jahre zurück...“, sagte ich mit der jetzt langsam in mir aufkommenden inneren Überlegenheit des „allwissenden Eingeweihten“. Und schließlich war ich ja zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Die von mir genannten „25 Jahre“ waren wohl das Stichwort für sie! Für ein, zwei lange Sekunden sagte sie nichts, wich dann etwas entgeistert und überrascht um etwa einen halben Schritt zurück, und gab mir die Türöffnung frei. „Komm‘ rein‘...!“, sagte sie etwas benommen, wobei man ihr die weich werdenden Knie fast ansah.
Viel später erzählte sie mir, daß sie schon in diesem Augenblick ganz sicher wußte, daß ich ihr leiblicher Bruder war. Denn der ihr von mir genannte Zeitraum von 25 Jahren war ja auch ihr ein Begriff, schließlich war ich vor ungefähr 25 Jahren durch meine Adoption aus ihrem Leben quasi verschwunden. Wie ich später weiter erfuhr, hatte sie von klein auf gewußt, daß sie noch einen um drei Jahre jüngeren Bruder hatte, der jedoch weggegeben wurde, doch niemand konnte ihr sagen, wohin. Wie sie mir weiter versicherte, habe sie immer versucht, meinen Verbleib ausfindig zu machen, erhielt jedoch von Amts wegen durch die strengen Bestimmungen der sogenannten Inkognito-Adoption keinerlei Auskünfte. Da gab es wohl eine ältere Mitarbeiterin vom Jugendamt, die meine Schwester aus deren Kinderzeit kannte. Diese meinte einmal, „es gäbe eventuell die Möglichkeit, später, viel später, einmal einen Versuch zu unternehmen, einen Kontakt zwischen Anja und mir herzustellen, dazu sei es aber noch viel zu früh“. Kurz darauf häuften sich jedoch die Katastrophen im damaligen Leben meiner Schwester, so daß ihr Interesse an ihrem leiblichen Bruder zunächst einmal in den Hintergrund rückte. Noch wußte ich nicht, daß Anja sich gerade in einer solchen, mittlerweile zwölf Jahre andauernden privaten „Katastrophe“ befand.
So ging ich mit ihr ins Haus. Von jetzt an gab es kein Zurück mehr! Ich befand mich ganz plötzlich mitten in meiner Vergangenheit, aus der ich für mich einen klareren Weg in die Zukunft zu finden hoffte. Doch diese tieferen Einsichten in das, was meine wahre Existenz ausmachte, sollte ich am Ende teuer bezahlen. Beinahe mit meinem Leben... Mittlerweile zählte ich vier Kinder, die wild tobend um mich herumsprangen, und mich neugierig aus großen Kinderaugen anblickten. Was der neue Besucher wohl bringen würde...? Irgendwie fühlte ich mich in diesem organisierten Chaos sehr wohl, spürte eine neue Lebendigkeit, wie ich sie all die Jahre zuvor in der sterilen, unemotionalen Funktionalität meines „Adoptiv-Elternhauses“ hatte vermissen müssen. Vielleicht wäre auch so manches anders gekommen, vieles offener, lockerer behandelt worden, wenn ich - von mir aus ebenfalls adoptierte - Geschwister gehabt hätte. Dann wäre es für meine „Adoptiv-Eltern“ wohl nicht so leicht gewesen, über der nun einmal unnormalen Familienbiographie meiner „Adoptiv-Familie“ den verdrängenden Mantel des Schweigens und einer fassadenhaften Schein-Normalität auszubreiten. Aber dazu war es ja nun zu spät. Ich mochte Kinder sehr gerne, hatte zudem durch meine jahrelange Schulbustätigkeit keine Probleme, mit Kindern im Grundschulalter umzugehen. Ich betrachtete und behandelte sie eher als gleichberechtigte Partner, vielleicht auch eher als Erwachsene, denn als „unmündige Objekte“. Dadurch wurde ich auch in der verantwortungsvollen Rolle als Schulbusfahrer im morgendlichen Chaos von den Kindern nicht nur respektiert, sondern auch aktzeptiert. Manche sahen in mir vielleicht sogar eine väterliche Figur, da ich immer sehr ernsthaft auf die Kinder und ihre Probleme eingehen konnte, und das auch gerne tat. Wenn mir die Grundschulkinder manchmal schon ihr geheimes Poesie-Album mitgaben, um selbst etwas hineinzuschreiben, war das sicher ein Zeichen dafür, daß sie mir vertrauten und mich auch mochten. Und wenn man einmal über 70 Schulkinder in einem Bus bändigen konnte, dann war das Kinder-Chaos hier im Haus meiner Schwester ein wahres „Kinder-Spiel“...
Das geräumige, verwinkelte Wohnzimmer des uralten Fachwerkhauses mit den niedrigen Decken war sehr einfach aber gemütlich eingerichtet, wirkte jedoch etwas überfrachtet mit allem möglichen „Krimskrams“. Irgendwo in einer dunklen Ecke stand ein kleines, grünlich leuchtendes Aquarium mit bunten Zierfischen darin, dessen Wasserwechsel auch schon etwas länger zurücklag... Da gab es drei große, alte Bücherregale, vollgestopft mit allen möglichen Buchtiteln. Sie gehörten meiner Schwester, die zu Büchern die gleiche liebevolle Beziehung hegte wie ich. Schon seit Jahren kaufte sie mehr oder weniger wahllos alte ausrangierte Buchbestände aus Leihbüchereien auf, die man dort kiloweise nach Gewicht für ein paar Mark erstehen konnte. Daneben stand ein uralter, abgeschabter Schreibtisch, darauf ein moderner Computer und ein kleines dunkelblaues Tastentelefon. Hinter dem Schreibtisch blickte man durch ein altes, mehrteiliges Butzenglas-Fenster in Anjas verwahrlosten Garten und auch in den schäbigen Hinterhof des benachbarten Hauses hinein. Linkerhand der Bücherregale führte ein niedriger Durchgang in einen kleinen Eßraum, darin ein alter großer Tisch mit abgeschabten Stühlen drumherum. Unter der Decke hingen zwei große Käfige, darin mehrere Wellensittiche und Kanarienvögel. Der Eßraum wie auch das Wohnzimmer besaßen jeweils einen eigenen Zugang zur Diele, von wo aus eine uralte, knarrende Holztreppe in das obere Stockwerk führte. Die nur notdürftig verputzten Wände des winzigen, extrem niedrigen Eßraums schienen laienhaft in verschiedenen Farben gestrichen worden zu sein. Hier befand sich in einer Ecke als einzige Heizung des gesamten Hauses ein kleiner, mit Kohlen und Feuerholz betriebener „Bullerofen“, der in unmittelbarer Nähe eine unerträgliche Hitze abstrahlte. Direkt neben dem stark überhitzten, und merkwürdige Geräusche von sich gebenden, Ofen standen mehrere zerbeulte Blecheimer gefüllt mit pechschwarzen Eierkohlen, kantigen Briketts, und kleingehackten Holzscheiten. Überall lag Kinderspielzeug umher, man konnte fast keinen Fuß vor den anderen setzen, ohne Angst haben zu müssen, auf eine quietschende bunte Plastikente zu treten... Vom Eßraum führte ein niedriger türloser Durchgang eine Stufe tiefer in die wirklich mehr als winzige niedrige Küche. Das offene, alte Holzregal an der linken Wand war mit Lebensmitteln geradezu vollgepackt, die viel zu kleine Spüle auf der rechten Seite quoll über von nicht gespültem Geschirr. Am anderen Ende links des Niedergangs ein uralter vierflammiger Kochherd, daneben ein altersschwacher Kühlschrank, aus dessen lange nicht mehr abgetautem Eisfach das gefrorene Eis herausquoll. Schon mit zwei Personen in der Küche bekäme man Platzangst, war es doch fast unmöglich, ohne sich gegenseitig anzustoßen aneinander vorbeizugehen. Von der Küche führte eine klapprige, fast aus den Angeln fallende doppelte Tür direkt auf die hinter dem Gebäude liegende, verwahrloste große Terrasse hinaus. Von dieser führte eine verfallene Steintreppe in den weitläufigen Garten hinunter. Von der Terrasse hatte man einen herrlichen Fernblick über die endlosen Höhen des weiten, bewaldeten Landes, ein Ausblick, welcher der Seele gut tun könnte. Gäbe es da nicht im Hintergrund auf der abbröckelnden Terraße zahllose alte, zudem ungespülte schmutzige Kochtöpfe mit vermoderten Essenresten darin, und altes, gebrauchtes, ungereinigtes Eßgeschirr. Offenbar wurde dieses einfach nach draußen gestellt, da man es - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr abwaschen wollte...! Doch noch konnte ich all diese verstörenden Einzelheiten nicht zuordnen, registrierte sie lediglich als Ausdruck eines nunmal anderen Lebens, welches „die Leute hier“ führten. So hielt ich mich erst einmal kommentarlos zurück.
Am Niedergang zur Küche hing ein unter Glas eingerahmter Bibelspruch. Wie meine Schwester später erzählte, handelte es sich um den Taufspruch unserer gemeinsamen Mutter Hildegard. Es war die Bibelstelle 2. Korinther 5.17 mit dem Text: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung ; das Alte ist vergangen, siehe, alles ist neu geworden.“ Mit einer gewissen erschrockenen Beklemmung stellte ich später fest, daß meine Schwester und ich genau die gleiche Bibelstelle als Konfirmationsspruch von unserem jeweiligen Pfarrer mitbekommen hatten... Das konnte kein Zufall sein! Und doch: dieselbe Bibelstelle zu Taufe und Konfirmation von drei Menschen. Einmal 1940 in Pommern bei Neustettin zur Taufe unserer leiblichen Mutter Hildegard, dann noch einmal in den 70er Jahren zur Konfirmation meiner Schwester im Südwesten Deutschlands, als unsere Mutter schon lange tot war. Und ein drittes Mal Jahre später zu meiner eigenen Konfirmation an einem gänzlich anderen Ort, wobei zu meiner leiblichen Familie ja niemals ein direkter oder indirekter Kontakt bestanden hatte! Eine geheimnisvolle Verbindung zwischen uns dreien, unserer verstorbenen Mutter Hildegard, meiner Schwester, und mir...? Wer will das sagen? Vielleicht will unsere Mutter uns damit sagen, daß wir niemals wirklich getrennt sein werden, auch wenn sie gestorben ist, uns scheinbar verlassen hat. Vielleicht will sie uns über den gemeinsamen Bibelspruch über den Tod hinaus noch sagen: „Wir gehören auf immer alle zusammen!“
Schließlich hatte ich mir einen Weg durch die tobenden Kinder gebahnt, meine Jacke abgelegt, und saß auf einem der zwei alten, aber bequemen breiten Sofas unter einem kleinen, mehrteiligen Fachwerkfenster. Der Familienhund, die schon ältere, sehr liebe und treu blickende Collie-Hündin „Cindy“ hatte mich sofort ins Herz geschlossen, und legte sich neben mich auf die Couch, den Kopf dabei vertrauensvoll auf meinem Schoß. Um den inneren Fensterrahmen hatte man eine jener bekannten bunten Weihnachts-Lichterketten verlegt. Ich erinnerte mich an den Ausspruch eines Bekannten: „Je bunter die Lichter innen an den Fenstern, desto „kaputter“ die familiären Verhältnisse hinter diesen Fenstern!“ Der zynische wie analytisch zumeist zutreffende Spruch war auch an diesem Ort anwendbar, jedoch erlebte ich mich zunächst als Besucher, als externer Beobachter, spürte auch eine gewisse innere Distanz zu meiner neuen Umgebung. Schließlich war ich erst vor wenigen Minuten in das Leben anderer Menschen „eingebrochen“. Was hatte ich also nun darüber zu urteilen? Meine leibliche Schwester brachte Kaffee für uns beide, brauchte wohl einige Minuten, um sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. Es war ihre berühmte Mischung aus „Caro-Kaffee“, Nesquick-Kakao, heißem Wasser und unendlich viel Vollmilch. Sie nannte das „Landkaffee“, den ich mir auf diese Art noch heute oft zubereite. Dann saß sie mir schräg rechts gegenüber, sah mich erst zögernd, bald neugieriger an. Wir waren beide etwas verlegen, sagten zunächst nichts. Das wäre auch kaum möglich gewesen, denn die ganze Zeit über wurde ich von ihren heranstürmenden Kindern geradezu umlagert. Diese rannten immer schnell auf mich zu, sahen mich kurz an, liefen schnell wieder weg, kamen jedoch immer schnell zurück, so als wollten sie sich zunächst an den neuen Besucher gewöhnen. Dabei schrien und lachten sie laut und fröhlich, kümmerten sich nicht im geringsten um die Ordnungsrufe ihrer Mutter. Da waren Bettina, 10, Corinna, 8, Deborah, 6, genannt „Debbie“, und Robin, 3 Jahre alt. Sie waren fröhliche, aufgeweckte und intelligente Kinder. Besonders die Älteste, Bettina, benannt nach unserer leiblichen Cousine Bettina, die ich später noch kennenlernen sollte. Meine Schwester nannte diese immer nur „unser Chausinchen“, so als seien ihr, wie auch mir, gewiße typische ostpreußische Sprachdialektrelikte vererbt worden. Stammte doch unsere Mutter aus dem früheren Pommern, unser Vater dagegen aus Ostpreußen, oder besser gesagt aus Masuren, dem „Land der tausend Seen“, der weiten tiefen Wälder, mit seiner weit zurück reichenden Geschichte, die mit dem zweiten Weltkrieg ein jähes Ende fand.
Meine Schwester war zu diesem Zeitpunkt schon wieder im dritten Monat schwanger, doch das wußte ich noch nicht. Ich fragte alle ihre Kinder nach ihrem Namen, und sie nannten ihn mir bereitwillig. Manche brachten mir ihr Lieblingsspielzeug, damit ich es ansehen sollte. Dann fragte mich die Älteste, Bettina: „Wie heißt Du denn...?“ Ich wußte ja, daß meine Schwester genau zuhörte. Bisher hatte ich ihr noch nicht laut und deutlich gesagt, daß ich ihr leiblicher Bruder war. Diese Tatsache stand noch unausgesprochen im Raum, schwebte förmlich über Anja und mir, doch scheuten wir wohl noch davor zurück, uns als einander verwandte Geschwister zu offenbaren. Doch irgendwie wußten und spürten wir beide ganz instinktiv, daß wir leibliche Geschwister waren und dieselben leiblichen Eltern hatten. Irgend etwas verbindendes war da zu fühlen zwischen uns beiden, etwas, das wohl nur zwischen Bruder und Schwester existiert, und woran sich die Geschwister ganz instinktiv erkennen können, auch wenn sie sich lange Jahre nicht - oder noch niemals - gesehen haben. Mit einem leichten, beobachtenden Seitenblick auf meine Schwester antwortete ich Bettina wahrheitsgemäß: „Bernd,...ich heiße Bernd!“ Spätestens jetzt wußte „es“ meine Schwester, schließlich kannte sie ja auch meinen Vornamen. Jetzt war „es“ endlich heraus: ihr lange vermißter, einst als Kleinkind verschwundener, Bruder saß nach über 25 Jahren des Getrenntseins von seiner leiblichen Familie vor ihr im Wohnzimmer. Einfach so! Es schien, als habe diese alte Geschichte schon seit 25 Jahren über Anjas Leben gehangen oder geschwebt, wodurch sich auch bei ihr ein großer innerer Klärungsdruck aufgebaut hatte. Fast war es so, als daß dieser innere Druck zur Familienzusammenführung bei allen Beteiligten, mich eingeschlossen, mit den Jahren so groß und unerträglich geworden war, daß die jetzige ungewöhnliche und für meine Schwester völlig unerwartete Begegnungssituation hier in diesem Raum, oder sonstwo auf der Welt, unausweichlich und zwingend notwendig geworden war.
Und jetzt „platzte“ ich so ganz einfach in das Leben meiner Schwester hinein, stand nach über 25 Jahren unangemeldet einfach so vor ihrer Tür! Ohne ihr auch nur die allergeringste Gelegenheit gegeben zu haben, sich einige Tage, oder auch nur Minuten, innerlich auf meinen Besuch, auf ihren lange vermißten Bruder, vorbereiten zu können. Ich glaube aber nicht, daß diese Vorgehensweise so völlig falsch war. So traf ich meine Schwester zumindest unvorbereitet wie auch unverstellt in ihrem wirklichen, augenblicklichen Leben an, ohne daß sie ausreichend Zeit hatte, eine falsche Fassade vor mir aufzubauen.
Eigentlich war ihr eher eine Art von Überraschung anzumerken, als richtige Freude, und sie stellte zunächst nur wenige Fragen. Doch die ganze Situation war für uns beide noch zu neu. Schließlich war ihr ja gerade etwas passiert, das ein anderer für sie mitbestimmt hatte, hatte ich sie ja nicht vorab über mein Erscheinen informiert. Ich hatte ganz einfach über sie hinweg entschieden, sie jetzt! kennenzulernen. Ob ich selbst hingegen problemloser damit hätte umgehen können, wenn meine Schwester eines Tages ohne jegliche Vorankündigung nach über 25 Jahren vor meiner Tür stehen würde, kann ich nicht sagen. So ein plötzlicher „Überfall“ kann auch bedrohlich wirken. Darüber hatte ich ja nicht im geringsten nachgedacht. Doch hat sie mir das nie tatsächlich übel genommen, wie sie mir später versicherte. Als sich dann der allgemeine Tumult gelegt hatte, die Kinder wieder draußen mit Spielen beschäftigt waren, versuchte ich, ihr „meine Geschichte“ zu erzählen. „Ich weiß nicht..., wo ich anfangen soll...“, begann ich etwas überfordert, „am besten versuche ich es, indem ich Dir etwas über jemand anderen erzähle. Dieser „andere“ bin zwar ich, aber vielleicht ist es dann einfacher für mich. Ich erzähle Dir also eine Geschichte über einen kleinen Jungen, der eines Tages, als er noch ganz klein war, von seinen Eltern erfuhr, daß sie nicht seine richtigen Eltern waren, sondern daß sie ihn adoptiert hatten...“ So ging es beinahe eine Stunde lang. Meine Schwester hörte aufmerksam schweigend zu, nur ab und zu wurden wir durch die Kinder unterbrochen, die ihre Mama nun einmal forderten, aber das war ja auch in Ordnung. Die Wohnzimmerwand hinter ihr war über und über bedeckt mit bunten Postkarten, die andere Kinder oder Babys zeigten, daneben zahllose Fotos von ihren eigenen Kindern, und dazwischen immer wieder kleine Karten mit Bibelsprüchen darauf. Die weiße Karte mit dem Jesaja-Wort „Land, Land Land, höre des Herrn Wort!“ habe ich nicht vergessen. Daß dieser unübersehbare Bezug zum religiösen Glauben - oder was meine Schwester dafür hielt - noch eine bedeutende Rolle in unserer geschwisterlichen Beziehung spielen sollte, konnte ich noch nicht ahnen. Auch daß meine Schwester früher einmal Mitglied bei den „Zeugen Jehovas“ gewesen war, war mir nicht bekannt. Daß sie deren subtile Art der auf Bibelstellen gegründeten moralischen Indoktrination und Manipulation von Menschen jedoch noch perfekt beherrschte, sollte ich noch zu spüren bekommen. Zu jener Zeit war sie - geduldetes - Mitglied in einer Freikirchlichen Gemeinde. Auch ihre Kinder besuchten zum Teil eine freikirchlich geleitete Schule im nahen M. .
Dieses ganze „Drumherum“ und Anjas häusliches Umfeld mit all den, für einen in normalen Verhältnissen aufgewachsenen Menschen etwas verstörenden Einzelheiten registrierte ich zunächst nicht, zumindest nicht bewußt. Ich wollte manches vielleicht auch einfach nicht so sehen und erkennen, wie es tatsächlich war. Schließlich hatte ich mir vorgenommen, über das Leben mir zunächst unbekannter Menschen und die Verhältnisse, in oder unter denen sie lebten, weder in irgendeiner Weise zu urteilen noch zu richten. Der innere Vertrauensvorschuß meiner leiblichen Schwester gegenüber hielt mich also zunächst davon ab, eine realistische Bewertung unserer gerade erst beginnenden Geschwisterbeziehung vorzunehmen. Vielleicht hätte ich manches von Anfang an kritischer sehen müssen? Möglicherweise hätte es auch geholfen, wenn ich zu meinem ersten Besuch bei meiner Schwester eine außenstehende Begleitung, vielleicht Michelle aus den USA, mitgenommen hätte. Eine nicht betroffene, somit unparteiische, unabhängige Begleitperson hätte mir sicher in so mancherlei Hinsicht die Augen geöffnet für Umstände, vor denen ich ganz sicher allzulange die Augen verschloß. Doch ich bin überzeugt, daß ich nicht auf Warnungen jeglicher Art gehört hätte. Wahrscheinlich hätte ich diese umgedeutet als bloße „Neidreaktionen“ auf jene Zuneigung, die nicht dem familienfremden Beobachter selbst, sondern mir galt - beziehungsweise zu gelten schien! Blind für eine völlig andere Lebenswirklichkeit, in der ich mich vielleicht niemals so zu Hause fühlen würde, wie ich es immer geglaubt hatte, hatte ich somit dann eben ganz allein einen recht langen Weg zu gehen, bis ich schließlich ganz von selbst zu jenen schmerzhaften wie auch notwendigen Erkenntnissen vordrang, die letztlich zu einer endgültigen Trennung zwischen mir und meiner Schwester führten. Vielleicht sogar führen mußten. Sonst hätte ich diese - für mich jedoch notwendige - Reise in meine Vergangenheit vielleicht am Ende noch mit meinem Leben bezahlt!
Meine Schwester erzählte zunächst nur wenig über ihre eigene Vergangenheit und Kindheit, jedoch hatte mein plötzliches Auftauchen einiges in ihr in Bewegung gesetzt. Nach einiger Zeit des Redens und des gemeinsamen Schweigens unternahmen wir gemeinsam mit allen vier Kindern einen langen Spaziergang in die nähere Umgebung des ländlich geprägten kleinen Ortes. Zwar war es bitterkalt, doch am Vormittag strahlte schon eine wärmende Sonne vom stahlblauen Himmel. Gerade richtig, um gemütlich langsam auf Seitenwegen zwischen den weiten Feldern zu gehen. Die Kinder freuten sich, einen neuen Onkel bekommen zu haben, der ich ja sogleich vierfach geworden war. Als sie ein wenig vorausgelaufen waren, drehte ich mich zu meiner Schwester um. Da stand sie vor mir auf dem einsamen, schmalen Feldweg, inmitten dieser weiten leeren Landschaft, blickte mich unentwegt an, so als könne sie es nicht glauben. Ich selbst war mit 1,75 Meter fast einen Kopf größer als sie, doch wirkte sie keineswegs hilflos und klein. Eher wie eine Frau, die schon viel durch- und mitgemacht hatte, die ein hartes Leben in gewisser Weise auch hart gemacht hatte, und die sicher auch gegen ihren eigenen Willen so geworden war, wie sie sich mir jetzt darstellte: innerlich gebrochen, verloren und einsam.
Mittlerweile war es in der höhersteigenden Januarsonne richtig warm geworden. Anja trug ihre alte Jacke vorne offen, darunter den verschlissenen, alten „Pferde-Pullover“. Sie sah mich lange an, streckte dann ihre ausgebreiteten Arme in meine Richtung aus, und fragte leise: „Darf ich...?“ Ich ging die wenigen Schritte zu meiner Schwester, geradewegs in ihre geöffneten Arme, die sich sanft aber fest direkt um meinen Rücken schlossen. Auch meine Arme schlüpften unter ihre geöffnete Jacke direkt an ihren Körper heran. Das Gefühl von tiefer Nähe, Geborgenheit, und seelisch heilender Wärme, das ich dabei empfand, kann ich gar nicht beschreiben! Auch ich umarmte meine Schwester, hielt sie „ganz doll“ fest, drückte sie immer fester an mich, umfaßte ihren Kopf mit beiden Händen, drückte ihr Gesicht auf meine Brust, spürte ihre küssenden Lippen auf meinem dunkelblauen Pullover, küßte ihr ungekämmtes, rotes Haar, ihre glühende Stirn, spürte ihre Wärme, eine nie gekannte Vertrautheit, die meinen Körper und meine Seele zu durchströmen schien... Während wir so schweigend da standen, uns fest umarmt hielten, spürte und wußte ich zugleich: DAS IST ES!! JETZT BIN ICH ZU HAUSE!! Endlich war ich angekommen!! Dieses Gefühl von vertrauter, familiärer Zugehörigkeit jetzt hier im Arm meiner Schwester, hatte ich mein ganzes Leben lang vermißt! Obgleich meine „Adoptiv-Eltern“ mich sicher - auf ihre Art - liebten, mich als „ihr Kind“ ansahen. Sicher hatten sie mir immer alles gegeben, nicht nur, was ich brauchte, sondern auch was immer ich wollte. Doch dieses Geben bezog sich immer nur auf materielle Dinge. Diese tiefe Vertrautheit, wie ich sie erst jetzt hier in den Armen meiner Schwester spürte, hatte ich dort niemals gefunden, später auch nicht mehr gesucht. In all den Jahren zuvor schien meine Seele wie in einer vereisten Landschaft erstarrt zu sein. Doch in diesem Augenblick, jetzt und hier auf dieser einsamen Feldstraße unter einem weiten hohen Himmel, schienen die letzten 25 Jahre beinahe vergessen zu sein, lösten sich auf seltsame Weise auf in einem unergründlichen Meer aus unendlich tiefen, zärtlichen Gefühlen der inneren Zugehörigkeit - und wärmender Liebe! Während wir uns weiter umarmt festhielten, blickten wir uns immerzu tief und immer tiefer in die Augen, so als wollten wir eintauchen in diese „Seen“ aus ähnlich blaugrauem Farbenspiel, um tief in diesen Fenstern zur Seele den jeweils anderen zu ergründen. Plötzlich war dieses schreckliche, jahrelang mich beherrschende Gefühl der inneren Zerrissenheit wie „weggeblasen“! Mit einem Mal fühlte ich mich vollständiger, nicht mehr zweigeteilt in einen mir bekannten und einen unbekannten Anteil meiner Persönlichkeit und Identität. Ich fühlte förmlich, wie dieser tiefe Riß in meinem „Selbst“, meinem von Kindheitsbeinen an durch die unzureichende Adoptionsaufklärung verstörten ICH, mehr und mehr heilte, durch die Wärme und die Nähe meiner Schwester fast buchstäblich wieder zusammengeschweißt wurde, was eine sehr machtvolle Erfahrung für mich war, denn sie machte mich zu einer vollständigen und „Selbst“-bewußten Person!
Daher kann und darf ich rückblickend heute mit fester Überzeugung sagen, daß ich es nicht bereue, damals diesen Schritt in die Vergangenheit getan zu haben, wie immer auch sich alles weitere entwickelt haben mag. In dem Augenblick, als wir uns zum ersten Mal umarmten, brach die innerseelische „Eisdecke“ auf, und ich tauchte auf aus den erkalteten, erfrorenen Tiefen meines verdrängten „Selbst“. Mein Leben wirkte für mich plötzlich so ganz anders, viel klarer und unbeschwerter. Mir war, als ob meine Seele erst jetzt richtig und befreit atmen konnte. Auf diese Erfahrung möchte ich nie verzichten! Ich wußte erst jetzt, wer ich wirklich war, vielleicht auch sein oder werden konnte. Akten, Unterlagen und Papiere helfen da nichts. Sie können zwar den informativen Hintergrund erhellen, ja. Doch die nie zuvor gespürte Liebe einer tiefen, innigen Umarmung mit der leiblichen Schwester können diese amtlichen Hilfsmittel niemals ersetzen.
Mittlerweile waren Anjas Kinder wieder zu uns zurückgekommen. Etwas verschämt betrachteten sie ihre Mama, die ihren gerade wiedergefundenen Bruder offenbar nicht mehr loslassen wollte." Schon begannen sie uns zu necken, riefen etwas frech: „Guckt mal..., Mama und Bernd lieben sich...!“ Wie recht sie doch hatten! Anja und mir war das egal. Zu stark war das jahrelang unerfüllte Bedürfnis, den Bruder, die Schwester, so nahe zu spüren, wie es nur irgend ging, und dabei den inneren Halt wiederzufinden, den wir schon lange zuvor verloren hatten. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb wir letztlich miteinander schliefen: Zu ausgehungert waren wir wohl nach jener ultimativen, absoluten Form körperlicher Nähe, dass wir mit dem anderen Teil von uns selbst tatsächlich verschmelzen wollten, uns endlich als eine leibliche Einheit spüren wollten, da wir doch schon vor so langer Zeit getrennt, ja auseinandergerissen wurden. Doch noch war es weniger ein Gefühl leidenschaftlichen Verlangens, als vielmehr das blosse Bedürfnis, sich nach unendlich erscheinenden Jahren der seelischen Verbannung so nahe wie nur möglich zu sein, sich gegenseitig das Gefühl zu geben, sich buchstäblich nie wieder loszulassen. Schließlich
gingen wir alle langsam weiter, dabei immer eines der Kinder, zumeist Robin oder Debbie, „huckepack“ auf meinen Schultern sitzend. Ich glaube, wir fühlten uns alle als eine richtige Familie, mit mir als „Vater“... Es wurde schon langsam dunkel, als wir schließlich zu Anjas Haus am finsteren Waldrand zurückkehrten.
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Copyright: Bernd M., Autor von "Blutsverwandt!"
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********** Ende der Leseprobe ************