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Eine Gruppe Musikstudierender erstellt im Rahmen eines interdisziplinären Hochschulprojekts unter Mitwirkung eines Metallbildhauers ein einmaliges, unkonventionelles Metall- instrumentarium und erfindet dafür eine eigene Musik. Das mag auf den ersten Blick nicht so ungewöhnlich erscheinen, ist es jedoch, wenn man bedenkt, dass sich in unserem Kulturkreis Musikmachen vorwiegend auf Reproduktion bereits existierender Musik beschränkt. Die Bedeutung eines solchen von erfahrungsorientiertem und selbstbestimmtem Lernen und Handeln getragenen Projekts liegt darin, dass schöpferische Gestaltungsfähigkeit im Team als integrierender Bestandteil von Musikausbildung und Musikmachen entwickelt wird.
Die klanglichen Möglichkeiten und die Spielbarkeit des in gemeinsamer Arbeit entstandenen Instrumentariums erschlossen sich durch Experimentieren, in freier Improvisation und über kompositorische Vorstellungskraft. Von der unkonventionellen Formgebung der Instrumente und deren Klangcharakter ausgehend war das Ziel stets das kollektive Erfinden einer Musik als Synthese von Experiment, Improvisation und Komposition. Die Stücke - verbal oder grafisch notiert - enthalten die durch Versuch und Diskussion gefilterten Ideen aller Beteiligten. Indem jeder seine speziellen Fähigkeiten eingesetzt hat, sind die Ergebnisse Folge eines Geduld und Toleranz erfordernden Arbeitsprozesses. Alle Ensemblemitglieder haben ihre unterschiedlichen musikalischen Kompetenzen zu gemeinsamen kompositorischen Entscheidungen gebündelt und gleichzeitig die Grenze zwischen Improvisation und Komposition aufgehoben.
Der intensive Arbeitsprozess sei kurz skizziert: Material in Form von Messingröhren und Aluminiumstäben - gestiftet von der Musikinstrumentenfirma "Studio 49" - bildete den Grundstock für das interdisziplinäre Projekt METALLMUSIK der von Prof. Walter Sons 1987 im Studiengang Musik an der Universität Kassel gegründeten "AG Neue Musik III". Erste Klangexperimente mit den vorhandenen Materialien offenbarten die Notwendigkeit, die Klangpalette zu erweitern. In der Folgezeit wurden unter dem Aspekt ihres Eigenklangs Metallmaterialien unterschiedlicher Formen auf Kasseler Schrottplätzen ausgewählt. Firmen und Privatpersonen stellten Ölfässer, Bleche, Kreissägeblätter und Pflugscharen zur Verfügung. Planung und Bau der Instrumente wurden entscheidend von der Eigenart der gesammelten Fundstücke beeinflusst, die musikalische Konzeption wiederum war abhängig von den Besonderheiten des Instrumentariums.
Da gibt es einmal die Objekte mit ihrem materialspezifischen Klang, zum anderen die hinsichtlich der Skalenbildung bewusst zufällige Anordnung der 48 Messingröhren, dann die konstruierte Reihung eines Viertelton-Metallophons und die gänzlich andere Charakteristik eines aus chinesischer Tradition hergeleiteten Pentatonik-Obertonreihen -Glockenspiels (Idee eines mit chinesischer Kultur vertrauten Ensemblemitglieds). Neuartige Spieltechniken ergaben sich aus den unterschiedlichen geometrischen Formen einzelner Klangerzeuger, deren ungewöhnlicher Anordnung und der Art der Befestigung. Nicht unwichtig ist der Gedanke, dass hier überflüssiges, auf Schrottplätzen abgelegtes Material einer neuen, künstlerischen Verwendung zugeführt wird, ohne dessen Vergangenheit auszulöschen.
Als Glücksfall für das Gedeihen des Projekts erwies sich die Mitarbeit des Metallbildhauers Dieter Zaha, der an der Kunsthochschule Kassel Freie Kunst/Metallbildhauerei studierte. Er hat nicht nur in Zusammenarbeit mit den Gruppenmitgliedern die Gestaltung des Instrumentariums maßgeblich beeinflusst, sondern ist auch als Musiker dem Ensemble beigetreten.
Ähnlich wie das Vorgängerprojekt, die GLASMUSIK, erregte auch die METALLMUSIK bald nach den ersten Auftritten im Jahre 1989 überregionale Aufmerksamkeit. Es begann eine rege Konzerttätigkeit, die - insbesondere in der Anfangszeit - dazu führte, intensiv an der musikalischen Konzeption weiterzuarbeiten. Die Problemkreise „Improvisation im Konzert“ im Zusammenhang mit „Qualität“ haben die Diskussion innerhalb des Ensembles lange beherrscht. Ebenfalls wurde das Instrumentarium ständig weiterentwickelt. Noch 1997 hat Dieter Zaha anlässlich des zehnjährigen Jubiläums ein von zwei Spielern zu bedienendes Blasinstrument geschaffen.
Kurzchronik: Konzert im Rahmen eines Bundeskongresses des Arbeitskreises für Schulmusik in Hannover (1990), Auftritt anlässlich des Festaktes "100 Jahre Arbeitgeberverband der Hessischen Metallindustrie/100 Jahre Industriekultur" im Opernhaus des Kasseler Staatstheaters (1990), Gesprächskonzert im Baunataler VW-Werk vor 500 Auszubildenden (1992),
Produktion einer CD und eines Videofilms in Verbindung mit dem Lehrbereich Film/Fernsehen der Kunsthochschule Kassel (1992), Klangbrücke über die Fulda im Beiprogramm zur "documenta IX" (1992), Verleihung eines Kunstförderpreises der Kasseler "Dr. Wolfgang Zippel-Stiftung" an das Ensemble METALLMUSIK (1995), Produktion des Fernsehfilms "Sinfonie in Schrott" im Kasseler Fernsehstudio des Hessischen Rundfunks (1995), Langzeitprojekt mit einer sechsten Klasse eines Kasseler Gymnasiums mit dem Thema "Gruppenimprovisation und Kollektivkomposition im Klassenverband" (1995/96), Konzerte im Rahmen des Kulturprogramms der Stadt Kassel zur "documenta X" (1997) und "documenta 11" (2002, hier in Verbindung mit Kinetischer Projektion von Dieter Zaha), Konzert in einer Metallbau-Werkhalle in Thun/Schweiz zum "Festival der außergewöhnlichen Klänge" (1999), Experimente mit Metall im Rahmen der Kasseler Musiktage 2001 in der Königs-Galerie, Konzert im Art Kite Museum in Detmold (2002), Workshops mit Teilnehmern einer Tagung des bundesweiten Rings für Gruppenimprovisation in Kassel (1991), mit Studierenden der Kunsthochschule Kassel (1995) und Schüler/innen Kasseler Gymnasien, mit Studierenden der Technischen Universität Dresden in Kassel (1999), mit dem Kulturforum der Sozialdemokratie Kassel (2003) und seit 1992 alljährlich zweitägige Workshops für behinderte Kinder und Jugendliche aus Sonderschulen und Behinderteneinrichtungen in Kassel und anderen nordhessischen Städten, gefördert vom Verband der Metall- und Elektrounternehmen Hessen.
Ebenso wie bei der GLASMUSIK gehören auch hier alle Musiker von Anfang an zum Ensemble. Die lange Laufzeit - GLASMUSIK seit 1981, METALLMUSIK seit 1987 - beweist die starke Bindekraft dieser Projektidee, deren klingende Ergebnisse das Publikum und die Ausführenden immer wieder zu faszinieren vermögen. Außerdem verhindern die ungewöhnlichen Klangerzeuger, die ja nicht zu den im Musikstudium üblichen Instrumenten gehören, ein in Routine erstarrtes Spiel.
Mitwirkende:
Peter Arens
Rainer Greulich
Claudius Knoess
Claudia Pfretzschner
Markus Rennecke
Sabine Schmitz
Martin Sons
Petra Starke
Dieter Zaha
Leitung: Prof. Walter Sons
Kontakt (0561/38780)
CD METALLMUSIK I-IV, musicaphon M 55704 (1992)
CD GLAS-METALL-MUSIK, musicaphon M 55713 (2000/01)
Stand 1.3.2007 (letzte Änderung)
Webmaster @ metallmusik-ensemble.de
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